Nachlese Eltern-Kind-Kurs "Ich bin sehbehindert" vom 25.11. - 27.11.05 in Geseke / Ostwestfalen

Foto: Gruppenbild der Kinder


Bericht: Manuel Ott

Vom 25. bis 27. November fand der erste Eltern-Kind-Kurs in Geseke statt - organisiert vom BFS-NRW e.V.

Es schien eine recht große Herausforderung zu werden: 20 Kinder im Alter von drei bis neun Jahren, alle mit unterschiedlichem Sehvermögen, die sich zuvor größtenteils nicht kannten. Was wird uns erwarten? Im Vorfeld konnten wir nichts weiter tun, als ein möglichst großes Spektrum an Angeboten bereit zu halten - Dinge, die (hoffentlich) gerne von den Kindern angenommen werden, unabhängig davon, ob sie nun vier Jahre alt sind oder acht. Dazu zählten natürlich Mal - und Bastelutensilien jeglicher Art sowie Bücher, Spiele und eine "Tobe-Ecke". Zwar machten wir uns einige Gedanken im Vorfeld, wie man den Ablauf der Tage gestalten kann, doch stößt man hierbei naturgemäß an "planerische Grenzen"; denn wer mit Kindern arbeitet, weiß, dass es oftmals ganz anders kommt, als man denkt. Insbesondere dann, wenn die Ausgangsbedingungen so "speziell" waren wie in diesem Fall. Man könnte es also als ein "Experiment" bezeichnen, ein spannendes wohlbemerkt. Auf jeden Fall freuten wir uns alle sehr auf das anstehende Wochenende und die kommenden Erfahrungen.

Foto: Gruppenblild der Betreuer

Nach der kurzen Vorstellungsrunde am Freitagabend verließen die Eltern unser Spielzimmer und ließen íhre Sprösslinge bei uns zurück - vermutlich mit gemischten Gefühlen. Auf so manchen Teilnehmer machte das Betreuerteam (welches z.T. auch aus Sehbehinderten bestand) sicherlich nicht gerade den Eindruck alt-eingesessener Spitzenpädagogen, sondern vielmehr den von jungen Schülern und Studenten, die sich gerne mal durch ausgedehntes Babysitten ein Taschengeld verdienen. Dieser Eindruck sollte sich im Verlauf des Treffens jedoch (glücklicherweise) ändern.

Nachdem wir von den Eltern zurück gelassen wurden, waren wir jedenfalls sehr gespannt darauf, die Kinder näher kennen zu lernen. Wir nutzten die Zeit für eine "eigene" Vorstellungsrunde, in der jede/r erzählen konnte, was er / sie besonders gut kann und gerne macht, beispielsweise im Kindergarten oder in der Schule. Hierbei stellte sich heraus, dass Sport zu den absoluten Favoriten gehörte. Im Anschluss veranstalteten wir ein Topfschlagen, wo sich auch die letzten Unsicherheiten lösten und eine lockere und entspannte Atmosphäre entstand.
Am Abend gingen wir mit einem guten Gefühl und vielen neuen Eindrücken in den Speisesaal.

Der Samstag wurde lebhaft begonnen: Die vielen Spiel- und Bastelutensilien kamen nun zu ihrem ultimativen Einsatz. Jedes Kind suchte sich die Dinge aus, welche ihm am meisten Spaß bereiteten. Nach der Mittagspause teilten wir uns in zwei Gruppen: Während die einen nach draußen zu den Tiergehegen wanderten, bemalten die anderen Stofftaschen und bastelten Weihnachtskarten. Welch Glück, dass es unter uns Betreuern viele kreative Köpfe gab, um hier kompetent Hilfestellung zu leisten! Ich persönlich kann mich leider nicht dazu zählen, nutzte aber die Gelegenheit, um auch meine künstlerischen Fertigkeiten neu zu entdecken. Nach zwei Stunden konnten die Gruppen getauscht werden. Mittlerweile ging es draußen auch sportlich zu; es wurde Fußball gespielt, getobt und gerannt.

Während der Kinderbetreuung widmeten sich die Eltern dem "Erwachsenen-Programm". Es bestand aus einer Vielzahl von Fachvorträgen zu unterschiedlichen Themenbereichen: Herr Hurraß von der Firma "Schweizer Optik" berichtete über vergrößernde, optische Sehhilfen; Frau Prof. Dr. Käsmann-Kellner gab Einblicke in "nichtoptische Hilfen sowie andere Maßnahmen bei Sehbehinderung im Schulalter" und Frau Oeser vom Berufsbildungswerk Soest referierte über Möglichkeiten der beruflichen Orientierung. Parallel fand eine umfangreiche Hilfsmittelausstellung der Firma "Tiemann" statt.
Es wurden Erfahrungen ausgetauscht und Kontakte geknüpft - ein wesentlicher Aspekt jeder Selbsthilfe-Veranstaltung. Für so manchen war dieses Treffen eine erste Möglichkeit, Gleichbetroffene kennen zu lernen und ihre Fragen und Probleme mit anderen Eltern zu besprechen. Hierzu wurde natürlich auch der Samstagabend intensiv genutzt - nachdem die Kinder schon lange schliefen (sie wurden von uns absichtlich müde gemacht) plauderten viele Eltern noch bis spät in den Abend.

Im Spielzimmer begann der Sonntagmorgen genau so, wie der Vortag endete: Lebhaft! Einige nutzten die Gelegenheit, letzte Weihnachtskarten zu basteln, andere beschäftigten sich mit großen Bauklötzen, Brett- oder Kartenspielen. Wir können mit großer Sicherheit sagen, dass niemandem langweilig wurde! Zur Not fand sich immer ein Betreuer zum Toben und Raufen - übrigens ein kräftiges Argument für den Einsatz von unverbrauchten Schülern und Studenten: Bis zum Eintreten der Rückenschmerzen muss erst einiges passieren! Vier der sehbehinderten Betreuer stellten sich dann vormittags für eine Diskussionsrunde mit den Eltern zur Verfügung. Es ging um das Thema "Schule und Studium mit Behinderung". Die Eltern konnten Fragen stellen und Erfahrungen aus "erster Hand" mitbekommen. Zuvor wurde außerdem das Segelprojekt des BFS e.V. vorgestellt.

Nach dem Mittagessen machten sich die meisten Teilnehmer dann Richtung Heimat auf, und auch wir Betreuer nahmen Abschied von den Kindern, die uns das Wochenende hindurch so gut auf Trapp hielten. Es war eine wunderbare Erfahrung - mit vielen neuen Eindrücken, jeder Menge Spaß und einem leichten Schlafdefizit.
Ich glaube, ich kann hier im Namen aller Teilnehmer sprechen, seien es Eltern, Kinder oder Betreuer: Unser Dank gilt der Organisatorin, Elisabeth Krych, die mit viel Engagement und Herzblut dieses Treffen erst ermöglicht hat. Wir hoffen auf einen weiteren Eltern-Kind-Kurs im nächsten Jahr!

Manuel Ott (Betreuer)

Foto: Manuel Ott


Bericht: Mario Schattschneider

Im ostwestfälischen Geseke fand vom 25. bis zum 27. November 2005 ein Eltern-Kind-Kurs "Ich bin sehbehindert" statt. Dieser Kurs richtete sich an sehbehinderte Kinder und deren Eltern. Das Tagungshaus "Dicke Birken" bot viel Freiraum für die 3-11 Jahre alten Kinder der 16 Familien, die aus verschiednen Bundesländern angereist waren. Trotz des einsetzenden Schneechaoses ließen sich die Familien nicht beeindrucken, so reiste die letzte Mutter mit ihren drei Kindern spät in der Nacht an und versprühte am Frühstückstisch gute Laune.

Während des Adventswochenendes erwartete nicht nur die Eltern ein Programm in Form von interessanten Vorträgen und Diskussionsrunden sondern auch ihre Kinder wurden während dieser Veranstaltungen durch ein Team aus sehenden und sehbehinderten Jugendlichen betreut.

Den Auftakt bildete eine Kennenlernrunde im großzügigen Spiel- und Bastelzimmer der Kids. Hier stellten sich zunächst die Seminarleitung und das Betreuerteam den Eltern und ihren Kindern vor.

Foto: Spielzimmer

Am Samstagvormittag brachte Herr Hurraß, der Firma Schweizer, den Familien die Vielfalt der Möglichkeiten mit der Versorgung von vergrößernden Sehhilfen näher. Den Eltern wurde bei diesem Vortrag die Möglichkeit gegeben verschiedenste vergrößernde Sehhilfen anzuschauen und zu testen. Eine parallel laufende Ausstellung der Firma Tiemann bot Interessierten die Möglichkeit sich computergestützte Hilfsmittel für die Schule anzusehen und sich umfassend beraten zu lassen.

Foto: Herr Hurraß (Firma Schweizer)

Der Nachmittag war durch einen sehr interessanten Vortrag von Prof. Dr. Barbara Käsmann der Universitätsaugenklinik Homburg (Saar) gefüllt. Die Eltern erfuhren etwas über den Einsatz von nichtoptischen Hilfen und anderen Maßnahmen die bei einer Sehbehinderung im Schulalltag genutzt werden können.

Foto: Prof. Dr. Barbara Käsmann

Den Abschluss bildete an diesem Abend ein Vortrag von Frau Oeser des Berufsbildungswerkes Soest. Sie zeigte die Chancen und Möglichkeiten der beruflichen Bildung von sehbehinderten und blinden Jugendlichen auf.

Der Sonntag stand im Zeichen einer Diskussionsrunde mit Schülern und Studenten. Zunächst wurde das Segelprojekt des BFS Berlin-Brandenburg e.V. anhand des Filmes "Blind date" durch zwei Teilnehmer des Segelprojektes vorgestellt.
Anschließend erzählten und diskutierten die Schüler und Studenten über ihre Schul- bzw. Studienzeit. Vielen wurde hierbei bewusst, dass die Integration eines sehbehinderten Kindes oder Jugendlichen mit dem Willen von Lehrern und Dozenten einhergeht.

Foto: Diskussionsrunde -  Segeln / Schule / Studium

Die Familien nutzten die freie Zeit, in den Pausen und an den Abenden um ihre Erfahrungen auszutauschen und genossen das Zusammensein mit Anderen deren Kinder ebenfalls sehbehindert sind.

Meine Eindrücke:

Wie alle Betreuer war auch ich an diesem Wochenende aufgeregt und habe mich gefragt, was uns erwarten wird, ob die Kinder alle miteinander zurecht kommen, da ihr Alter sehr unterschiedlich war.

Foto: Gruppenbild der Betreuer

Von dem Wochenende kann ich für mich nur positive Dinge mitnehmen. Das Verhältnis zu den Kindern, Eltern sowie anderen Betreuern war sehr harmonisch. Nach den drei Tagen Kinderbetreuung kann ich sagen, dass mir viele Kinder nach dieser kurzen Zeit ans Herz gewachsen sind.

Außerdem hat es mir bewiesen, dass es einfach ist sehende und sehbehinderte Kinder zu integrieren, wenn man dies will. Als Sehbehinderter braucht man sich mit seiner Sehbehinderung nicht zu verstecken - denn man ist genauso wie andere Kinder auch und kann viele Dinge genauso gut oder genauso schlecht wie normal sehende Kinder.

Alles in allem kann ich für mich sagen, dass mir das Wochenende in Geseke mit den Kindern sehr viel Spaß bereitet hat und dass ich die Aufgabe eines Betreuers auch bei m hoffentlich folgenden Seminar im Jahr 2006 sehr gern übernehmen möchte

Mario Schattschneider (Opa Franz)

Foto: Mario Schattschneider bei der Kinderbetreuung


Jan-Philipp, 14 Jahre, war als Betreuer dabei:

"Auch mir hat das Wochenende sehr gut gefallen. Die Betreuung der Kinder hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich würde es jederzeit wieder machen. Ebenso fand ich es sehr schön, dass die Eltern auch außerhalb der Diskussionsrunden Gespräche mit mir gesucht haben und mich über meine Beschulung befragt haben. Das Wochenende hat meine Entscheidung, beruflich mit Kindern zu arbeiten, bestärkt."

Foto: Jan-Philipp


Kindermund

Johanna, 3 Jahre: "Die Betreuer sind total gemein - ich durfte nicht alleine zur Toilette, obwohl ich das schon ganz alleine kann."

"Du siehst aus wie Opa Franz."

Foto: Johanna

Wulf 5, Jahre: "Wenn ich groß bin, möchte ich auch Betreuer werden und Norman heißen."

Foto: Wulf


E-Mails von Teilnehmern:

Hallo Frau Krych,
noch mal vielen Dank für das tolle Wochenende vom 25.-27.11.05 in Geseke. Die Vorträge von Herrn Huraß von der Fa. Schweizer Optik und von Frau Prof. Dr. med. B. Käsman von der Universitäts-Augenklinik Homburg /Saar haben uns im wahrsten Sinne der Worte die Augen geöffnet was die Sehfähigkeit und die damit verbundenen Möglichkeiten einer perfekten Sehhilfe für unsere Tochter betrifft. Der Vortrag von Frau Oeser vom Berufsbildungswerk in Soest war auch sehr spannend, welche Möglichkeiten es für die Zukunft gibt. Ein großer Dank geht auch an die Studenten und Schüler die unsere Tochter so lieb betreut haben. Hoffentlich wird so ein Wochenende mal wiederholt, wir wären gerne wieder mit dabei!!!

Mit freundlichen Grüßen
Bettina und Vivien Krüger

Foto: Vivien

Liebe Frau Krych,
wir möchten uns auf diesem Wege nochmals herzlich für das tolle Wochenende bedanken. Die viele Arbeit die Sie und Ihr Team in die Planung und Organisation gelegt haben, hat sich aus unserer Sicht total gelohnt. Für uns war alles drin was wir an Infos suchten. Wir wünschen Ihnen weiterhin so viel Kraft und Erfolg in der Unterstützung sehbehinderter Kinder und Eltern.

Danke an Sie und Ihr Team, bis Bald

Ihre Familie Braun

Foto: Alina

Liebe Elisabeth Krych,
wir denken noch sehr gerne an das Wochenende in Geseke zurück. Thi Minh hat es wirklich sehr genossen. Ich hoffe ja sehr, dass wir nächstes Jahr wieder so ein Wochenende machen?!?! Thi Minh ist der Abschied sehr, sehr schwer gefallen, es hat noch sehr lange gedauert, bis sie allen Tschüß gesagt hatte. Und im Auto hatte sie immer noch das Gefühl, sie hätte noch mehr winken sollen (aber mehr ging gar nicht!!!!!). Sie vermisst übrigens einen Schneemann, den sie gebastelt hat, aber ich fürchte, der ist verschollen... Nach wie vor die aller- allerbeste Idee fand ich ja das mit der Kinderbetreuung durch die sehbehinderten Jugendlichen. Die Idee ist einfach klasse - und die Realität auch. Ich hoffe ja nur, dass die Betreuer es genauso genossen haben wie die Kinder. Das Haus fand ich übrigens sehr gut geeignet dafür - auch das Preis/Leistungsverhältnis. Naja, wie geht es Euch?! Wie hat das Wochenende Jan-Philipp gefallen?
Liebe Gruesse, Thi Minh und Maria Lempa

Foto: Thi Minh

Sehr geehrte Frau Krych,
ich möchte mich noch mal für das ganz tolle Wochenende in Geseke bedanken. Es hat meiner Tochter und mir sehr gut gefallen. Letzte Woche habe ich eine Sportbrille für Anna Sophie bestellt. Unser Optiker war sehr interessiert an den Sportbrillen, er sagte er habe zwar keine Erfahrungen damit, möchte es aber gerne ausprobieren und weiterempfehlen. Und auch sonst haben wir sehr viel aus dem Wochenende für uns mit nach Hause genommen. Anna Sophies Frühförderin, Gabi Korf, die mich über das Seminar informiert hat, freut sich schon, mit mir nächste Woche die ganzen Infomaterialien, die ich mitgenommen habe, zu sichten.
Liebe Grüße und eine schöne Vorweihnachtszeit wünscht
Nathalie Heising

Foto: Anna Sophie


Fazit:

Eigentlich ist schon alles geschrieben - eines jedoch möchte ich noch hinzufügen. Ich fand es faszinierend, dass 16 sich fremde Familien und Kinder untereinander so verbunden gefühlt haben. Aus meiner Sicht verlief das Wochenende so harmonisch, da sich alle Teilnehmer in ihrem Alltag den gleichen Problemen stellen müssen. Zu der Verbundenheit fielen mir die Worte meines Sohnes wieder ein, als er das erste Mal am Segelprojekt des BFS Berlin-Brandenburg teilgenommen hat. Er sagte damals: "Ich habe mich total wohl gefühlt und konnte endlich mal so sein wie ich bin. Ich musste niemanden sagen, dass ich etwas nicht sehen kann."

Mir bleibt an dieser Stelle nur noch ein "Dankeschön" an das liebe Betreuerteam zu sagen, ohne dessen Hilfe es nicht möglich gewesen wäre dieses Wochenende so erfolgreich zu gestalten. Ebenso an alle anderen Referenten. Mein ganz besonderer Dank geht an Frau Prof. Dr. Käsmann und ihren Ehemann, die den weiten Weg aus Homburg/Saar nicht gescheut haben um an den Eltern-Kind-Kurs teilzunehmen. Für die Eltern war ihre Anwesenheit wesentlich mehr als "nur" ein Vortrag. Weiterhin möchte ich den Eltern ein großes "Dankeschön" für ihr Vertrauen aussprechen, welches Sie meinem Team und mir entgegen gebracht haben.

Die große Nachfrage, der Erfolg und die vielen, lieben Rückmeldungen per Mail und Briefpost sprechen dafür ein weiteres Seminar dieser Art - mit mehr Zeit zum Erfahrungsaustausch und Diskussionsrunden mit den Schüler/Innen und Studenten -stattfinden zu lassen...

Elisabeth Krych
Seminarleitung - BFS-NRW e.V.


Fotoserie: Eltern-Kind-Kurs